Hilfsschule

Die Hilfsschule im Nationalsozialismus

von Kirsten Knaack

2.2. Faschismustheorie Reinhard Kühnls

Aus der Folge der Ablehnung Kühnls des Totalitarismuskonzeptes stellt er zur wissenschaftlichen und politischen Analyse des Faschismus ein Faschismuskonzept auf, das m.E. treffend die Voraussetzungen für den Aufstieg der NSDAP in Deutschland wie auch des Faschismus in anderen Ländern darstellt.


2.2.1. Allgemeine Strukturelemente des Faschismus
(vgl. Kühnl 1983, S. 99 ff.)

Die Faschismustheorie Reinhard Kühnls verfügt über soziale, ideologische, organisatorische, politische, methodische, funktionale und soziologische Strukturelemente.
a) Die soziale Herkunft der faschistischen Bewegung setze sich meist aus den bürgerlichen Mittelschichten zusammen, die von Krise und sozialem Abstieg bedroht sind.
b) Die Ideologie setze sich aus den Bausteinen des extremen Nationalismus und Antimarxismus, des Autoritarismus und Militarismus, des Ethnozentrismus [44] sowie antikapitalistischen und pseudosozialistischen Elementen zusammen.
c) Die Organisationsstruktur stelle meist das Führerprinzip dar, oft auch milizartige Verbände.
d) Die politische Richtung sei v.a. ein terroristisches Vorgehen gegen die Linke.
e) Die Methodik der politischen Herrschaft enthalte die Elemente der Zerschlagung der Arbeiterbewegung mit terroristischen Mitteln und Einkerkerung und/ oder Ermordung ihrer Führer, die Vernichtung der bürgerlichen Demokratie und der verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten sowie die Unterdrückung jeder Opposition.
f) Sozial beinhalte der Faschismus die vollständige Unterwerfung der Lohnabhängigen unter das Kommando der Kapitalbesitzer und Großgrundbesitzer; die tendenzielle Verschmelzung der Führungsgruppen von Industrie und Banken, Militär und hoher Beamtenschaft mit der Führungsgruppe der faschistischen Partei in Richtung auf eine neue Oligarchie.
g) Soziologische Gründe für die massive Unterstützung der Faschisten durch die Mittelschicht sei hauptsächlich die Deklassierung der Mittelschicht, die dadurch den Wunsch nach vorindustriellen, vorkapitalistischen, agrarisch- kleingewerblich geprägten Gesellschaftsformen gehabt hätte; eine Frontstellung gegen Arbeiterbewegung und Großkapital; der Wunsch nach einem ‚starken Staat‘, der ihre bedrohte soziale Stellung sichern solle; die Identifizierung mit ‚Nation‘, die Sicherheit und Selbstgefühl vermitteln könne.
Allerdings existiere kein mechanischer Kausalzusammenhang zwischen sozialer Lage und dem Votum für den Faschismus. Auch die Arbeiterschaft sei nicht prinzipiell immun dagegen. Deren Verhalten werde maßgeblich davon beeinflußt, wie stark die organisierte Arbeiterbewegung in einem Land sei, welche Kampferfahrung und welchen Grad an politischem Bewußtsein sie besitze und inwieweit sie bereits vom faschistischen Terror geschwächt sei.
Die Hauptfunktion des Faschismus sei im Innern die Niederwerfung der Arbeiterbewegung und nach außen der imperialistische Krieg; aus dem Interesse des Kapitals heraus. Zur Erreichung dieser Ziele zeige sich ein weiteres allgemeines Merkmal des Faschismus: die äußerste Brutalität der Herrschaft bis zum Massenmord.
Der Faschismus sei als Bündnisstruktur des wechselseitigen Aufeinanderangewiesenseins zwischen Kapital und (faschistischer) Partei zu sehen. Die Ziele dieses Bündnisses ließen sich wie folgt darstellen: Durchsetzung von großkapitalistischen Interessen [45] mit Hilfe des Militärs, der staatlichen Bürokratie und den Führern der faschistischen Partei; Vermeidung einer Diktatur der Mittelschichten oder im Interesse der Mittelschichten, d.h. dem Großkapital entgegengesetzte Inhalte, stattdessen Zugeständnisse von Konzessionen an den Mittelstand und die Arbeiterklasse für ein Minimum an Ruhe, Zufriedenheit und passiver Zustimmung neben dem allgegenwärtigen Terror.
Jedoch gibt Kühnl zu bedenken, dass ohne die Existenz einer faschistischen Massenbewegung in Deutschland die Errichtung einer terroristischen Diktatur wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre, obwohl maßgebliche Kräfte in Militär, Justiz, hoher Beamtenschaft und im Wissenschafts- und Erziehungswesen sie stützten und trugen.

Exklusive Geschenke

[44] Der Ethnozentrismus könne dabei die Form von Rassismus und Antisemitismus annehmen, müsse es aber nicht zwingend.

[45] Zerschlagung der Arbeiterbewegung, Auflösung der mittelständischen Interessenorganisationen, Organisation der Betriebe und der Wirtschaft, Verwertung der in- und ausländischen Arbeitskräfte, Höhe der Profite, Vergabe der Staatsaufträge; v.a. Vorbereitung und Druchführung des Expansionsprogramms mit dem Ziel der Beherrschung und Ausplünderung Europas.

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