Hilfsschule

Die Hilfsschule im Nationalsozialismus

von Kirsten Knaack

4.1.2. Einstellungen der SonderpädagogInnen zu HilfsschülerInnen

Bereits 1887 stellte der Heilpädagoge Heinrich Kielhorn fest, daß der ‚Schwachsinn‘ des Hilfsschulkindes niemals heilbar sei (vgl. Ellger- Rüttgardt, Sieglind, in: Hermann et al., S. 154); diese Feststellung impliziert bereits eindeutig endogene, angeborene Ursachen des Schulversagens.
Nach dem 1. Weltkrieg wuchs die utilitaristische Ansicht bei den HilfsschullehrerInnen: Die Schwächsten sollten nicht allzu große Unterstützung erfahren, um den Staat nicht noch stärker zu belasten (vgl. ebd., S. 152). Obwohl den LehrerInnen durchaus die sozialen Ursachen für das schulische Versagen der Kinder bekannt gewesen seien [58], traten sie fast nie für Veränderungen der sozial- politischen Verhältnisse ein (vgl. ebd., S. 154).
Höck stellt fest, dass ab ca. 1925, mit den Jahren verstärkend, die sozialdarwinistische Ausdrucksweise Einlass in den Sprachgebrauch der HeilpädagogInnen gefunden habe, z.B. ‚Kampf ums Dasein‘, ‚Volksaufartung‘, ‚Ausmerzung‘, ‚Aufzucht‘, ‚Menschenmaterial‘, ‚Minderwertige‘ (vgl. Höck, S. 20). Mit dieser Ausdrucksweise würden „Inhalte in die heilpädagogische Diskussion eingebracht (...), die zu Verlagerungen des Schwerpunkts der Argumentation führen.“ (ebd.), nämlich von der Sozialisationstheorie der Lernschädigungen zur erblich bedingten Lernschwäche. Hierbei tauchte v.a. der Begriff der ‚Brauchbarkeit‘ auf [59] (vgl. ebd., S. 21). Es hätte allerdings auch noch Heilpädagogen gegeben, die der Sozialisationstheorie weiter anhingen, z.B. Egenberger, Bartsch, Schmidt und auch Tornow (vgl. ebd., S. 23).
Die grundlegende Charakterisierung der HilfsschülerInnen durch ihre PädagogInnen hatte eine große Varianz zwischen Gleichheit bzw. Ähnlichkeit zu ‚NormalschülerInnen‘ und des grundsätzlichen Andersseins der HilfsschülerInnenschaft.
Am stärksten wendete sich Peter Petersen 1929 gegen die Andersartigkeit der HilfsschülerInnen; er sah in ihnen „weitgehend Opfer der Forderung nach Leistung in einem Jahresklassensystem“ (Höck, S. 33). Die Mehrzahl der akademischen Heilpädagogen der Weimarer Zeit sah jedoch durchaus ein kennzeichnendes Merkmal bei HilfsschülerInnen, den ‚Schwachsinn‘. So z.B. Fleischer (‚gesamtseelische Kraftminderung‘), Rössel (‚pathologisch‘), Hartnacke, Tornow, Fuchs, Gossow und Bartsch (‚Schwachsinn‘), Nöll (geistig- seelisch minderwertig) oder Bopp (gestörter Wertsinn/ Wertwille) (vgl. ebd., S. 34). Die Ursachen für die Leistung und das Verhalten der HilfsschülerInnen sahen u.a. Hartnacke, Fleischer, Gussow und Bopp in der Vererbung und befürchteten dementsprechend eine eventuelle Weitervererbung dieser Eigenschaften. Bartsch glaubte an eine organische Ursache im prä-, peri- und porstnatalen Zeitraum (vgl. ebd., S. 38 f.).
Höck faßt zusammen: „Insgesamt ist zu verzeichnen, daß in der Zeit der Weimarer Republik bei den Heilpädagogen bzw. Hilfsschullehrern die Tendenz vorherrscht, den Hilfsschüler sehr deutlich von der Allgemeinheit der Schüler abzuheben, indem man ihm Qualitäten zuschreibt, die dem Schüler der Volksschule und anderer Schulformen nicht zu eigen sind. Mögliche Teilbeeinträchtigungen der Lernfähigkeit jener Schüler, die den Anforderungen der Volksschule nicht genügen können, werden nur von wenigen Autoren erörtert.“ (ebd., S.35)

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[58] Nichtsdestoweniger waren die LehrerInnen de Ansicht, daß die ‚geistige Schwäche‘ der Kinder relevanterer Faktor für das Schulversagen war als die äußeren Umstände.

[59] Z.B. bei Hiller, Tornow, Fleischer und Breitbarth, bekannten Heilpädagogen der Weimarer Jahre.

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